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Europa rüstet gegen Diabetes
Ein von deutschen Experten initiiertes EU-Projekt schafft die Voraussetzungen für ein einheitliches Vorgehen gegen das größte Gesundheitsproblem der kommenden Jahre Diese Bedrohung richtete sich gegen die ganze Welt, Landesgrenzen spielen keine Rolle. Kein Wunder also, dass es das Thema schon einige Male auf die Tagesordnung der Vollversammlung der Vereinten Nationen (UNO) geschafft hat. Zuletzt im Dezember 2006, als das hohe Gremium dem Problem „Diabetes“ sogar eine Resolution widmete. Worum es ging? Nun, vordergründig standen Beratungen über den Weltdiabetes-Tag auf dem Programm. Und so bestätigte die UNO denn auch erwartungsgemäß den 14. November als den Weltdiabetes-Tag. Gleichzeitig aber kommt in der Resolution zum Ausdruck, wie sehr koordinierte, internationale Aktivitäten fehlen, um diesem weltweiten Problem wirkungsvoll zu begegnen. Dabei sind doch die Warnungen, die eine Diabetes-Welle mit unabsehbaren Folgen ankündigen, nicht zu überhören. Einige Länder und Gegenden werden von ihr sogar schon jetzt erfasst. Auch für Europa beschreiben die Prognosen ein erschreckendes Szenario: Experten gehen von einer Zunahme der Erkrankungshäufigkeit von 21 Prozent aus – von heute bis ins Jahr 2025. Dann werden vermutlich 64.1 Millionen Menschen in Europa an Typ-2-Diabetes erkrankt sein. Im Gegensatz zu Typ-1-Diabetikern, bei denen die Bauchspeicheldrüse die Fähigkeit verliert, das Hormon Insulin zu produzieren, nimmt dagegen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes die Insulinmenge anfangs noch zu, nur werden die Körperzellen immun. Ursache für diese fatale Entwicklung, in deren Folgen die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen dramatisch ansteigt, sind vor allem eine falsche Ernährung und zu wenig Bewegung. Diese Verhaltensweisen pflegen heute auch viele Jugendliche und junge Erwachsene, sodass Typ-2-Diabetes, der früher vor allem ein Problem älterer Menschen darstellte, heute schon bei jungen Erwachsenen häufiger auftritt. Kürzlich durchgeführte Übersichtsarbeiten haben ergeben, dass mehr als die Hälfte aller Europäer im Lauf ihres Lebens mit erhöhtem Blutzucker und Diabetes konfrontiert sein werden. Auf drei Jahre angelegt Diese Entwicklung und ihre – auch ökonomischen – Konsequenzen haben führende europäische Experten zum Anlass genommen, ein grenzüberschreitendes Präventions-Projekt zu initiieren. „Am ersten Juni dieses Jahres war der offizielle Startschuss für das IMAGE-Projekt“, berichtet Ulrike Gruhl, Koordinatorin der Projektgruppe Prävention des Nationalen Aktionsforums Diabetes Mellitus (NAFDM). IMAGE steht für Development and Implementation of a Prävention ist möglich „Wir wissen aus vielen Studien, dass Diabetes-Prävention durch Umstellung des Lebensstils sehr wohl funktionieren kann“, beschreibt Ulrike Gruhl das Dilemma der Diabetes-Vorbeugung. „Die Schwierigkeit aber besteht darin, die Studienergebnisse auch in der alltäglichen Praxis umzusetzen und vor allem die Zielgruppe dauerhaft zu diesen Änderungen zu bewegen.“ Wer durchhält, für den zahlt es sich aus: Das gilt nicht nur für Stoffwechselgesunde, sondern auch für Personen, die bereits leichte Störungen der Zuckerverwertung aufweisen. Konsequentes Brechen mit dem bisherigen Lebensstil, sich also gesünder zu ernähren und mehr zu bewegen, wirkt auch dann noch Wunder. Zwar gibt es in vielen Ländern nationale Präventionsprogramme, doch ein einheitliches Konzept fehlt bisher. Diese Lücke soll IMAGE schließen. Dr. Peter Schwarz von der Technischen Universität Dresden: „IMAGE ist das erste Projekt, das europaweit gültige Standards für eine konsequente Steuerung der Primärprävention von Typ-2-Diabetes entwickelt.“ Ziel ist es, funktionierende Vorbeugung überall in Europa verfügbar zu machen und so die Gefahr und die Folgen der heraufziehenden Diabetes-Welle abzumildern. „Primärprävention bedeutet in dem Fall, dass die Maßnahmen sehr früh greifen sollen, noch bevor erste Störungen des Zuckerstoffwechsels auftreten“, erläutert Gruhl. „Zusätzlich haben wir uns aber auch weitere Ziele gesteckt.“ Beispielsweise wollen die Experten Ausbildungsvorgaben für eine berufliche Zusatzqualifikation zum sogenannten „Präventionsmanager“ erstellen. Auf dem Programm steht darüber hinaus der Entwurf von Standards für Qualitätskontrolle von Präventionsmaßnahmen sowie die Entwicklung eines europäischen Internet-Portals zur Ausbildung von Präventionsmanagern. Eine Menge Arbeit. Die Erfolgsaussichten aber sind hervorragend, denn es gibt Vorgaben, auf denen sich aufbauen lässt. So läuft zum Beispiel derzeit in Sachsen ein dreistufiges Präventions-Pilotprojekt, an dem das Sächsische Staatsministerium für Soziales, Landesärzte- und Landesapothekerkammer, die Technische Universität Dresden sowie verschiedene Krankenkassen beteiligt sind. Über einen einfachen Risikofragebogen (Stufe 1) werden gefährdete Personen ausfindig gemacht, die anschließend im Rahmen eines hochwertigen, sechs Monate dauernden Programms (Stufe 2) zu Lebensstiländerungen angeleitet werden. Anschließend erfolgt eine langfristige Betreuung (Stufe 3) durch einen sogenannten Präventionsmanager. „Diese Zusatzqualifikation wurde im Rahmen des Pilotprojektes geschaffen“, erklärt Ulrike Gruhl. „Neben Anleitungen für mehr Bewegung und eine gesündere Ernährung soll der örtliche Präventionsmanager Hochrisikopatienten ausfindig machen, ein Netzwerk mit Apothekern, Sportvereinen und Hausärzten aufbauen sowie die Qualität bestehender Angebote sichern.“ Erste Zwischenergebnisse aus Sachsen sind sehr erfreulich. Die Erfahrungen mit dem Programm fließen in das IMAGE-Projekt ein. Sein Zeitplan ist eng gesteckt. Nach der ersten Arbeitssitzung im kommenden November, auf der die Aufgaben verteilt werden, geht es Schlag auf Schlag. Im Sommer 2010 sollen dann die Projektergebnisse (Präventionsleitlinien, Ausbildungsstandard für Präventionsmanager, Qualitätsstandards und Internet-Portal) präsentiert werden. Professor Jaakko Tuomilehto von der Universität von Helsinki, der zusammen mit Dr. Peter Schwarz das Projekt leitet, gibt sich überzeugt: „Wenn in drei Jahren die Leitlinien vorgestellt werden, wird diese einzigartige Initiative den EU-Ländern entscheidend dabei helfen, Belastungen, die in Verbindung mit der Diabetes-Epidemie auftreten, deutlich abzumildern.“ INFOS: www.image-project.eu 01.10.2007 |
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