Gene, die für die Anpassung des Menschen an eine kalte Umwelt ein Segen waren, erhöhen heute laut amerikanischer Forscher die Gefahr für Zivilisationskrankheiten
IVeränderungen im Erbgut haben dem Menschen das Leben in kalten Gegenden erleichtert. In der Entwicklungsgeschichte war von Vorteil, heute fördern manche dieser genetischen Anpassungen jedoch die Entwicklung eines Metabolischen Syndroms. Zu diesem Schluss kommt Professor Anna Di Rienzo, Genetikerin von der Universität von Chicago, die mit ihrem Team eine Auswahl von Genen, die mit dem Energiehaushalt in Verbindung stehen, untersucht hat. Die Ergebnisse wurden in der Internet-Zeitschrift „PLoS Genetics“ veröffentlicht.
Als die Vorfahren des Menschen aus dem heißen Afrika in kältere Gegenden umsiedelten, stellte sich ihr Organismus um: Statt möglichst viel Wärme abzugeben, musste nun möglichst viel erzeugt und gespeichert werden. „Heute, Tausende von Jahren später, in einer Zeit mit Zentralheizung und ausreichend Nahrung, erhalten die genetischen Anpassungen an die Kälte eine andere Bedeutung, da sie die Gefahr für eine Reihe von Zivilisationskrankheiten wie Typ-2-Diabetes oder Erkrankungen der Herz-Kranzgefäße beeinflussen“, meint Di Rienzo.
Für ihre Untersuchungen analysierten die Genetikerin und ihr Team Proben von mehr als 1000 Menschen aus 54 Bevölkerungsgruppen aus aller Welt an. Als sie sich die ausgewählten 82, mit dem Energiehaushalt in Verbindung stehenden Gene anschauten, fanden sie einige Varianten, die offenbar mit kälterem Klima in Verbindung stehen: Diese Genveränderungen betreffen die Wärmeproduktion, den Cholesterin-Haushalt, den Energieverbrauch und Blutzuckerverbrauch. Zwar schützen wohl einzelne dieser Veränderungen vor dem Metabolischen Syndrom, andere jedoch fördern es. So wird beispielsweise durch eine Genvariante der Blutzuckerspiegel erhöht: Das ist von Vorteil für die Wärmeproduktion, erhöht gleichzeitig aber die Gefahr von Typ-2-Diabetes. Ähnliches gilt für eine Gen-Version mit der Bezeichnung FABP2, die die Wissenschaftler gehäuft bei Menschen aus kälteren Gegenden entdeckten. Die Variante führt zu einem höheren Körpergewicht, einer vermehrten Fettspeicherung und hohen Cholesterin-Spiegeln. Dies half zwar ursprünglich gegen Kälte, heute jedoch erhöhen diese Anpassungen das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten sowie Diabetes.
„All diese Gene haben ihre Bedeutung bei der Stoffwechselanpassung an Kälte“, sagt Di Rienzo, „gleichzeitig aber haben sie auch Auswirkungen auf das Risiko für das Metabolische Syndrom.“ Die Forscher meinen daher, es sei von großem Nutzen, die Suche nach solchen Klima-Genen voranzutreiben. Schließlich würden sie, so die Wissenschaftler weiter, neue Hinweise darüber geben, wie sich Zivilisationskrankheiten entwickeln.
02.04.2008