Bösartiges Übergewicht

Überflüssige Kilos erhöhen die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten bestimmter Krebsarten. Einer Gruppe britischer und Schweizer Forscher hat diese Gefahr nun beziffert

Die Warnung, wie sehr Übergewicht der Gesundheit schadet, ist für Mediziner längst zur Routine geworden. Mit erhobenem Zeigefinger weisen sie die Betroffenen auf drohende Herz-Kreislauf-Erkrankungen, massive Gefäßschäden, zu früh verschlissene Gelenke oder auf eine sich entwickelnde Zuckerkrankheit hin. Bisher allerdings ohne größeren Erfolg, denn überflüssige Pfunde finden sich bei immer mehr Menschen – gerade in Deutschland. Oft genug erweitert sich das Gewichtsproblem um Bluthochdruck sowie Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen, den anderen Komponenten des Metabolischen Syndroms. Doch damit nicht genug, künftig müssen Ärzte ihren Warnungen vor Herzinfarkten und Schlaganfällen wohl einen weiteren Hinweis folgen lassen: Vorsicht Krebsgefahr!

Fataler Zusammenhang

Auf den fatalen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebsrisiko haben in der Vergangenheit zwar schon einige Studien aufmerksam gemacht, doch die kürzlich in der angesehenen Wissenschaftszeitschrift „Lancet“ veröffentlichte Übersichtsarbeit einer britisch-schweizerischen Forschergruppe beseitigt letzte Zweifel. Das Fazit der Forscher ist eindeutig: Übergewicht fördert die Entstehung einiger Krebsarten.

In der Lancet-Publikation nahmen die Wissenschaftler die Daten von 141 Studien zu Übergewicht und Krebs aus aller Welt unter die Lupe. „Wir haben dabei bewusst eine enge Auswahl getroffen“, berichtet Dr. Marcel Zwahlen vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. „Nur Studien, die prospektiv, also vorausschauend, angelegt worden waren, sind in unsere Auswertung eingeflossen.“ Zudem beeindruckt die Übersichtsarbeit durch ihre Aktualität: Alle weltweit bis Herbst 2007 veröffentlichten Studien zu Krebs und Übergewicht wurden berücksichtigt. Dabei konzentrierten sich die Forscher ausschließlich auf das Erkrankungsrisiko. „Studien, die Krankheits- und Krebstodesfälle zusammen ausgewertet hatten, haben wir bewusst ausgeklammert“, erklärt Zwahlen.

Dass zwischen Krebs und Übergewicht eine Verbindung besteht, wird schon länger diskutiert. Das amerikanische Krebsinstitut (National Cancer Institut) schätzt, 14 Prozent der Krebstodesfälle bei Männern und 20 Prozent bei Frauen seien auf Übergewicht und Fettsucht zurückzuführen. Wohlgemerkt: Die Überlegungen der amerikanischen Experten gelten für die USA. Würden die Schätzungen so auf Deutschland übertragen, hieße dies, dass von den vom Robert-Koch-Institut (RKI) ermittelten 208.824 Krebstodesfällen (Jahr 2004; Männer: 110.745, Frauen: 98.079) zwischen 30.000 und 40.000 auf zu viele Kilos beruhten. Eine beunruhigende Vorstellung.

Risiko nicht für alle Krebsarten erhöht

Die Ergebnisse der britischen und Schweizer Wissenschaftler lassen aufhorchen: Für beide Geschlechter stellen sie fest, dass ein Anstieg des Body-Mass-Index (BMI, Maß für das Körpergewicht) mit einer erhöhten Gefahr für Darm-, Nieren-, Schilddrüsenkrebs, Leukämie sowie bestimmten Formen von Blut- und Speiseröhrenkrebs einhergeht. Bei Männern ist zudem das Risiko für Enddarmkrebs sowie schwarzem Hautkrebs erhöht, bei Frauen jenes für Gallenblasen-, Pankreas-, Gebärmutterschleimhaut- und – nach der Menopause – für Brustkrebs.

„Im Gegensatz zu anderen Studien haben wir aber bei einigen Krebsarten keinen Zusammenhang feststellen können“, erläutert Zwahlen. „Zum Beispiel bei Prostatakrebs.“ Der Forscher ist überzeugt, dass gerade die unterschiedlichen Risikozusammenhänge für die einzelnen Krebsarten die Schlussfolgerung zulassen: „Übergewicht ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Krebs. Bei manchen bösartigen Erkrankungen spielen aber andere eine wesentlich wichtigere Rolle.“

Biologische Mechanismen

Während aber der statistische Zusammenhang offensichtlich ist, sind die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen nicht wirklich geklärt. Der britische Wissenschaftler Professor Andrew Renehan von der Universität Manchester hat an der Lancet-Studie ebenfalls mitgewirkt: „Es gibt eine ganz Reihe von Vermutungen, aber derzeit liegt das Hauptaugenmerk vor allem auf drei möglichen Mechanismen: Abweichungen im Insulinstoffwechsel, bei den Sexualhormonen und den Adipokinen, also den Stoffen, die direkt von Fettzellen abgegeben werden, scheinen von Bedeutung zu sein. Dabei nimmt das Hormon Insulin eine wesentliche Rolle ein.“

Fakt ist: Bei vielen Übergewichtigen sind die Insulinspiegel ständig erhöht, da die Bauchspeicheldrüse mehr von dem Hormon ausscheiden muss, um eine gleichbleibende Wirkung zu erzielen. Das Hormon aber senkt nicht nur den Blutzucker, es hat darüber hinaus weitere Wirkungen. So unterstützt es in Laborversuchen zum Beispiel das Wachstum bösartiger Zellen, gleichzeitig hemmt es den kontrollierten Tod kranker Zellen, die Apoptose. Außerdem blockiert Insulin die Bildung eines Proteins, das einen insulinähnlichen Wachstumsfaktor, das IGF-1, bindet. Der IGF-1-Faktor findet sich daher bei Übergewichtigen vermehrt im Blut. Da seine Wirkungen denen des Insulins (Hemmung des Zelltods, Förderung von Zellteilung etc.) ähneln, wird vermutlich auch auf diese Weise der Krebsentstehung Vorschub geleistet.

Damit aber nicht genug: Zusätzlich erhöhen beiden Substanzen die Spiegel der Sexualhormone im Blut, weil sie diese aus den Bindungen an Proteine verdrängen. Problematisch ist dies vor allem, weil auch den Sexualhormonen eine krebsfördernde Wirkung zugeschrieben wird, insbesondere bei Tumoren in der weiblichen Brust oder der Gebärmutterschleimhaut. Da zudem spezielle Enzyme im Fettgewebe die Umwandlung von Testosteron in Östrogene fördern, sind die Östrogenspiegel bei übergewichtigen Frauen oft deutlich erhöht – da verwundert es nicht, dass die Forscher in der Lancet-Publikation die auffälligste Verbindung zwischen Übergewicht und Endometriumkrebs feststellen konnten.

Nicht Auslöser, sondern Beschleuniger

„Die Insulinhypothese ist derzeit der überzeugendste Erklärungsversuch für das erhöhte Krebsrisiko übergewichtiger Menschen“, stimmt Professor Klaus Parhofer, Diabetologe an der Münchner Universitätsklinik Großhadern, zu. „Unabhängig davon muss Übergewicht aber wohl weniger als Auslöser von Krebserkrankungen gesehen werden, sondern vielmehr als eine Art Beschleuniger.“ Beispiel Dickdarmkrebs: Der entsteht in den meisten Fällen aus gutartigen Wucherungen, sogenannten Polypen, die im Lauf der Zeit entarten. Erhöhte Insulinspiegel verkürzen vermutlich diesen Prozess: Statt sonst mehr als zehn Jahre kann er bei den Betroffenen deutlich schneller verlaufen.

Trotz dieser Zusammenhänge warnt Diabetologe Parhofer davor, das Krebsrisiko bei Übergewichtigen zu sehr in den Vordergrund zu stellen: „Übergewicht ist ein wesentlicher Bestandteil des Metabolischen Syndroms, das oft in eine Zuckerkrankheit mündet. Wenn man dann berücksichtigt, dass 75 Prozent aller Diabetiker an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen sterben, rückt dies die Bedeutung der Frage nach dem Krebsrisiko zurecht. Der wichtigste Schluss aus all diesen Erkenntnissen ist sicherlich, dass Übergewichtige Maßnahmen zur Krebsvorsorge besonders sorgfältig betreiben sollten.“

02.04.2008

 
  Nachdruck erwünscht – bitte immer mit Angabe der Quelle Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!