Verkannte Hormonfabriken

Fettgewebe – Immer genauer wird die Bedeutung von Fettzellen für die Stoffwechselprozesse des Körpers entschlüsselt

Professor Stefan BornsteinNichts als eine schwabbelige, gelbe Masse mit wenig Aktivität – so sahen Wissenschaftler und Mediziner jahrzehntelang das Gewebe, das heutigen Schönheitsidealen zufolge überflüssig ist: das Fettgewebe. Die wissenschaftliche Bezeichnung der kleinen Energiespeicher lautet Adipozyten. Eben auf diese Funktion und Eigenschaft hatte man sie eine kleine Ewigkeit lang festgelegt: Fettzellen sollten nichts weiter als reine Energiespeicher sein. „Damit hat man die Zellen gewaltig unterschätzt“, sagt Professor Stefan Bornstein, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus an der TU Dresden. „Im Gegenteil: Wie wir heute immer mehr feststellen, handelt es sich um sehr aktive Zellen.“ Mit einem gewaltigen Aktionsradius, denn mit ihren Signal- und Botenstoffen beeinflussen sie unter anderem den Blutdruck, das Immunsystem, die Leber und sogar die Psyche.

Erst Mitte der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts begann sich das Wissen um die hohe Stoffwechselaktivität der Fettzellen durchzusetzen. Im Zentrum des Interesses: das Bauchfett. Dort, so stellten Forscher überrascht fest, werden verschiedenste Signalstoffe hergestellt. TNF- a zum Beispiel: Die Substanz unterhält Entzündungen im Körper. Oder Leptin: Dabei handelt es sich um ein Protein-Hormon, das von den Adipozyten in die Blutbahn freigesetzt wird, bis ins Gehirn vordringt und dort das Hungergefühl unterdrückt. Heute ist die wissenschaftliche Welt in dieser Hinsicht um einiges weiter: Etwa 100 verschiedene Stoffe mit Herkunftsort „Fettzelle“ sind inzwischen bekannt.

Solche und andere Erkenntnisse führten dazu, dass Mitte der 90er-Jahre die Definition des Metabolischen Syndroms angepasst wurde. Für die Entwicklung dieser fatalen Kombination von Zivilisationskrankheiten (Hochdruck, Übergewicht, Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen), die durch langjähriges Übergewicht bedingt ist, spielt das Bauchfett eine herausragende Rolle. Folgerichtig gilt seither der Bauchumfang als ein wichtiges Definitionskriterium für diese Risikokonstellation. Als besonders gefährlich gelten in diesem Zusammenhang jene Botenstoffe des Fettgewebes, die die Entwicklung der sogenannten Arteriosklerose, umgangssprachlich auch Gefäßverkalkung genannt, vorantreiben.

Immer genauer können sich Forscher inzwischen ein Bild davon machen, wie die Signalstoffe des Fettgewebes in die Regelkreise des Körpers eingreifen. Beispiel Bluthochdruck. Bisher meinten Mediziner, dass die bei übergewichtigen Menschen häufig erhöhten Werte ausschließlich auf Schäden in den Gefäßwänden und den Nieren zurückzuführen seien. „Heute wissen wir beispielsweise, dass Fettzellen auch sogenannte „Adipohypertensine“ freisetzen. Diese wirken direkt an den Gefäßen und greifen somit in die Blutdruckregulierung ein“, erklärt Professor Bornstein. Wie groß dieser Effekt ist, hängt offenbar nicht nur von der Gesamtzahl an Fettzellen ab, sondern auch von deren Lokalisation. Professor Bornstein: „Vermutlich sind jene Fettzellen, die in den Organen wie Bauchspeicheldrüse, Leber oder Nebennieren sitzen, von herausragender Bedeutung.“ Der Grund: Diese Organfettzellen setzen ihre Signalstoffe nicht nur in die Blutbahn frei, damit sie dort ihre Wirkung entfalten, sondern geben sie auch auf direktem Weg zur Nachbarzelle ab. Dieser Übertragungs- und Kommunikationsweg wird von Forschern als „parakrin“ bezeichnet und ist wesentlich effektiver. Schon kleine Mengen an Signalstoffen reichen dabei aus, um heftige Wirkungen hervorzurufen. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Kleine Mengen der Blutdruck-Stoffe („Adipohyertensine“) können so den Blutdruck erheblich ansteigen lassen.

„Der gleiche parakrine Mechanismus könnte übrigens auch am Herzen eine Rolle spielen“, erklärt Professor Bornstein. Auch die dortigen Fettzellen geben – wie neueste Untersuchungen zeigen – Stoffe ab: Diese beeinflussen die Kraft der Herzmuskelzellen und führen offenbar zu einer nachlassenden Herzmuskelleistung – ein typisches Gesundheitsproblem bei vielen, stark übergewichtigen Menschen.

Doch Fettzellen wissen nicht nur kurze Informationswege zu nutzen. Sie wirken auch über große Distanzen auf das Geschehen im Körper ein. Unter anderem kommunizieren sie mit dem Gehirn, wie bereits das Beispiel des Hormons Leptin zeigt. Doch der Informationsaustausch zwischen dem gelben (Fettzellen) und dem grauen (Nervenzellen) Gewebe geht darüber hinaus. „Wie dieser Dialog im Einzelnen aussieht, ist Gegenstand von Forschungsarbeiten – auch bei uns in Dresden“, erklärt Professor Bornstein.

Konkrete Ansatzpunkte gibt es bereits. So wissen Mediziner, dass bei Menschen mit Depressionen die Spiegel des Stresshormons Kortison im Blut erhöht sind. Wie neue Studien zeigen, verfügen Fettzellen über die Eigenschaft, inaktives in aktives Kortison umzuwandeln und somit die Spiegel des Stresshormons im Blut zu erhöhen. Nebenbei sorgen sie damit auch für eigenen Nachschub: Denn erhöhte Kortison-Spiegel lassen mehr Vorläuferzellen zu erwachsenen Adipozyten heranreifen. Das Endergebnis ist eine Zunahme an Fettgewebe. Und hier schließt sich nun der Kreis, da diese neuen Zellen wiederum mehr Leptin produzieren. Diese senkt aber nicht nur das Hungergefühl, sondern hat auch antidepressive Eigenschaften aufweist. Fazit: Der Zusammenhang von Übergewicht (und Diabetes) auf der einen Seite und Depressionen auf der anderen ist hochkomplex.

Und er ist noch lange nicht entschlüsselt. An neue mögliche Therapieansätze zu glauben, ist also alles andere als abwegig. „Wenn sich regulierend in diese Stresshormonachse eingreifen ließe, indem beispielsweise bestimmte Rezeptoren der Fettzellen blockiert würden, könnten sich daraus sicherlich Behandlungsoptionen für Patienten mit Übergewicht und Depressionen ergeben“, erklärt Professor Bornstein.

14.12.2006

 
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