Potsdamer Forscher weisen einen statistischen Zusammenhang zwischen Bauchumfang und Sterblichkeit nach – auch Normalgewichtige sollten demnach auf die Taille achten
Aus dem medizinischen Alltag ist er längst nicht mehr wegzudenken, der Bauchumfang. Schließlich gilt er als gutes Maß für die Menge an Bauchfett eines Menschen. Und ebendort haben Mediziner die eigentliche Gefahr von Übergewicht ausgemacht. Die Kurzformel lautet: Ein großer Bauchumfang entspricht viel Bauchfett. Der wiederum bedeutet viele gefährliche Stoffe, die Gefäße und Stoffwechsel schädigen können. Zugegeben, die Zusammenhänge sind etwas komplizierter, aber Fakt ist dennoch, dass der Bauchumfang sich in den letzten fünfzehn Jahren als wichtiges Kriterium zur Risikoabschätzung etabliert hat – insbesondere für das Bündel an Zivilisationkrankheiten, das Mediziner Metabolisches Syndrom nennen. Die Aufklärung über dieses „tödliche Quartett“ aus Übergewicht, Bluthochdruck, Fett- und Zuckerverwertungsstörungen hat sich die Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! zur Aufgabe gemacht.
„Keine Frage, Bauchfett ist ein wichtiger Risikofaktor, nicht nur für Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, sondern auch für bestimmte Krebserkrankungen“, stimmt PD Dr. Tobias Pischon vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam zu. Da der Bauchumfang die einfachste Möglichkeit ist, die Menge an Bauchfett zu beurteilen, ist er oft Bestandteil einer körperlichen Untersuchung – vor allem aber bei Menschen mit Übergewicht. Um zu bestimmen, ob eine Person übergewichtig ist, wird auf den Body-Mass-Index (BMI) zurückgegriffen. Dieser berechnet sich aus Gewicht und Körpergröße.
„Neben der Tatsache, dass der BMI mit dem Neuauftreten bestimmter Erkrankungen verbunden ist, gibt es einige Studien, in denen zwischen dem BMI und der Sterblichkeit ein Zusammenhang hergestellt werden konnte“, erklärt Pischon. Das bedeutet: Ein hoher BMI erhöht nicht nur die Gefahr für manche Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes, sondern auch für den vorzeitigen Tod. So weit, so gut. Doch lieferten diese Studien auch ein überraschendes Ergebnis: Denn für BMI-Werte im Grenzbereich zwischen Normal- und Übergewicht (Wert: 25) ergab sich die niedrigste Sterblichkeit. Unberücksichtigt blieb bei den meisten Untersuchungen der Bauchumfang: Entweder war er nicht erfasst worden oder aber nur geschätzt, sodass die Werte nur eingeschränkt verwendet werden konnten.
Gewaltiges Datenreservoir
Um den Zusammenhang zwischen Bauchumfang und Sterblichkeit zu klären, konnten Pischon und sein Team aus dem Vollen schöpfen. Im Rahmen der EPIC-Untersuchung (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) werden seit Jahren in vielen europäischen Ländern Leute zu ihren Essgewohnheiten befragt. Gleichzeitig beobachten die Wissenschaftler, welche Krankheiten bei den Teilnehmern im Verlauf der Studie auftreten. Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) ist an der groß angelegten Studie seit Beginn beteiligt. Allein in Potsdam und Umgebung wurden 27 500 Menschen zur Teilnahme an der Untersuchung bewegt. „Zusammen mit den Daten aus anderen beteiligten Studienzentren standen uns von knapp 360 000 Menschen Informationen zum Bauchumfang zur Verfügung“, berichtet Pischon.
Wieder ergab sich für einen BMI im Grenzbereich zwischen Normal- und Übergewicht die geringste Sterblichkeit: Demnach müsste für Frauen ein BMI von 24,3 und für Männer einer vor 25,3 als ideal gelten. Doch Vorsicht: Wie wenig aussagekräftig diese Zahlen alleine sind, stellten die Potsdamer Wissenschaftler fest, als sie sich den Zusammenhang zwischen Bauchumfang und Sterblichkeit anschauten. Hier stießen sie auf eine direkte Beziehung: Je größer bei gegebenem BMI der Taillenumfang, desto höher die Sterblichkeit. „Bei einem gegebenen BMI haben Personen mit höherem Bauchumfang stets ein höheres Sterberisiko als solche mit geringerem Bauchumfang“, stellt Pischon fest. Fünf Zentimeter am Bauch erhöhen demnach das Sterberisiko einer Frau um 13 Prozent. Beim Mann schießt die Gefahr bei fünf zusätzlichen Zentimetern sogar 17 Prozent in die Höhe. „Und das ist unabhängig vom jeweiligen BMI“, sagt Pischon. Letztlich bedeutet das: Zur Risikoabschätzung nur auf den Body-Mass-Index zurückzugreifen ist nicht nur falsch, es kann sogar gefährlich sein.
Verborgenes Gefahrenpotenzial
„Nur weil der BMI im Normbereich liegt, kann man noch keine Entwarnung geben. Zusätzlich sollte immer der Bauchumfang bestimmt werden“, meint denn auch Pischon und führt dafür zwei Gründe an: Zum einen offenbaren die EPIC-Daten, dass – unabhängig vom Körpergewicht – Menschen mit einem größerem Bauchumfang ein höheres Sterberisiko aufweisen. Zum anderen – und das ist das Entscheidende – kann sich hinter einem normalen oder niedrigen BMI-Wert eine erhöhte Gefahr verbergen. Denn: Liegt bei einem Normal- oder Untergewichtigen ein größerer Bauchumfang vor, weist diese Person bezogen auf ihre Körpermasse wahrscheinlich eine verhältnismäßig große Menge an Bauchfett auf. Folglich ist ihr Sterberisiko erheblich erhöht.
Die Wissenschaftler um Pischon am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke planen bereits ihre nächsten Schritte. „Wir werden uns mit den Faktoren beschäftigen, die die Körperfettverteilung steuern“, erklärt Pischon. Anschaulich formuliert: Warum lagert sich eine Kalorie bei einem Menschen im Bauchfett an, während sie bei anderen im Oberschenkel landet? „Tatsache ist, dass es verschiedene Verteilungsmuster gibt“, spielt Pischon auf die gängige Unterscheidung in Apfel- (Speicherung von Fett vor allem im Bauch) und Birnenform (überwiegend an Oberschenkeln und Gesäß) an.
Im Rahmen der EPIC-Studie wurden von den in Potsdam untersuchten Teilnehmern Blutproben genommen. Deren Analyse, so hofft Pischon, könnte vielleicht Aufschluss darüber geben, welchen Einfluss „bestimmte Stoffe des Fettgewebes oder aber auch Gene auf diesen Prozess haben“. Eine interessante Perspektive könnte sich auftun. Denn ließen sich diese Mechanismen tatsächlich entschlüsseln, stünden Medizinern vermutlich völlig neue therapeutische Möglichkeiten offen. Dann wäre es durchaus denkbar, dass sich der Bauchumfang durch die bevorzugte Wahl bestimmter Nahrungsbestandteile (zum Beispiel Ballaststoffe) oder durch Medikamente beeinflussen ließe.
14.01.2009