Ein Landkreis begehrt auf

Mit einem ehrgeizigen Präventionsprojekt stemmen sich Ärzte und Patienten in der Kreisstadt Ebersberg gegen die scheinbar unaufhaltsame Zunahme von Gefäßkrankheiten

Die Vorbeugung von Krankheiten gewinnt im deutschen Gesundheitssystem immer mehr an Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um Krebserkrankungen, für die gesetzlich Versicherten ein umfangreiches Paket an Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen zur Verfügung steht. Auch nach anderen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes wird längst frühzeitig gefahndet, um schwerwiegende Folgekrankheiten zu vermeiden. Demselben Ziel hat sich vor acht Jahren in einem Landkreis bei München eine Gruppe von Ärzten verschrieben. Ihr einzigartiges wie ehrgeiziges Präventionsprojekt soll in Ebersberg und Umgebung die Zahl von Gefäßkrankheiten, insbesondere von Schlaganfällen, verringern.

„Erste Überlegungen haben wir bereits im Jahr 1999 angestellt“, berichtet Dr. Ulrich Huntgeburth. Der niedergelassene Hausarzt ist eine der treibenden Kräfte des Projekts, das den Namen INVADE trägt, eine Abkürzung für „Interventionsprojekt zerebrovaskulärer Erkrankungen und Demenz im Landkreis Ebersberg“. „Unser Ausgangspunkt war damals, vorhandene Vorsorgemaßnahmen zu intensivieren, denn viele Menschen haben – trotz einer richtigen Diagnose – die Risikofaktoren nicht im Griff“, sagt Huntgeburth. Beispiel Bluthochdruck: Nur bei knapp einem Viertel derjenigen, die von ihrer Erkrankung wissen, sind die Werte so niedrig, wie in den Leitlinien gefordert. Huntgeburth: „Das ist viel Platz für Verbesserung.“

Großes, kompetentes Team

Um dies zu erreichen, ersannen die engagierten Ärzte ein Projekt, in dem sie viele verschiedene Akteure des Gesundheitssystems zusammenführen. An INVADE sind neben den Ebersberger Hausärzten auch niedergelassene Neurologen und Internisten, sowie die Neurologische und Psychiatrische Klinik der Universität München, die AOK Bayern, die Kreisklinik Ebersberg und Pharmaunternehmen beteiligt.

Nach einem Jahr Vorbereitung lief INVADE im Januar 2000 an. Insgesamt rund 4000 AOK-Versicherte wurden aufgenommen. Um ihre Betreuung zu intensivieren, wurde festgelegt, dass jeder Teilnehmer zumindest einmal im Quartal zu seinem Hausarzt Kontakt hat. „Dabei wird zunächst der Gesundheitszustand beurteilt“, erklärt Huntgeburth. „Darüber hinaus wird unter anderem abgefragt, ob neue gesundheitliche Probleme aufgetreten sind, ob Nebenwirkungen der Medikamente bemerkt wurden sowie ob die Vorsorgemaßnahmen wie verabredet befolgt wurden.“ Alle zwei Jahre durchlaufen alle Teilnehmer zudem einen großen Gesundheitscheck: Dieser umfasst neben einem Arzt-Patienten-Gespräch eine körperliche Untersuchung, ein Elektrokardiogramm (EKG) sowie eine umfangreiche Blutanalyse. Wirklich einzigartig aber ist, dass die Hausärzte bei ihren Patienten den sogenannten Knöchel-Arm-Index bestimmen. Dabei misst der Arzt nicht nur am Arm den Blutdruck, sondern auch an den Knöcheln, und kann somit auf den Zustand der Gefäße sowie die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen rückschließen.

Ultraschall der Halsschlagader

Zusätzlich suchen alle Teilnehmer alle zwei Jahre einen Spezialisten auf. „Die Patienten machen eine Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader bei einem entsprechend qualifizierten Arzt“, sagt Huntgeburth. Dabei wird die Dicke der Gefäßwand gemessen – ein weiteres Indiz für die aktuelle Gefährdung des Patienten. Die Ultraschallbefunde, auf elektronischem Weg verschickt, überprüfen anschließen Ärzte der Münchner Technischen Universität. „Letztlich laufen alle Ergebnisse des großen 2-Jahres-Checks beim Verein INVADE zusammen. Wir werten diese aus und geben den Ärzten detaillierte Rückmeldung über den Gesundheitszustand ihrer Patienten – verbunden mit Empfehlungen, welche Maßnahmen intensiviert oder ergänzt werden sollten“, erklärt Huntgeburth den Ablauf.

Vielversprechende Studie

Dieses aufwendige Unterfangen hat für die Patienten enormen Nutzen. Um diesen wissenschaftlich nachzuweisen, führten die Ebersberger INVADE-Ärzte eine spezielle Untersuchung durch: In ihrer COME-IN-Studie verglichen sie die Blutdruckwerte von 100 Hochdruck-Patienten mit Intensivbetreuung (bei der auch speziell fortgebildete Arzthelferinnen eingriffen) mit den Werten von 100 Hochdruck-Patienten ohne diese Spezialbehandlung. Tatsächlich wiesen nach einem Jahr die Teilnehmer der ersten Gruppe deutlich bessere Blutdruckwerte auf als jene in der zweiten. „Das zeigt, dass unser Ansatz richtig und Erfolg versprechend ist“, sagt Huntgeburth. Dabei ist das Ziel hochgesteckt. „Wir wollen die Zahl der Schlaganfälle im Landkreis Ebersberg um ein Drittel reduzieren.“

Bluthochdruck gilt als einer der wichtigsten Risikofaktoren für Gefäßkrankheiten, für die Schlaganfälle nur ein Beispiel sind. Auch Herzinfarkte oder die Verschlusskrankheit („Schaufensterkrankheit“) gehen auf Gefäßveränderungen zurück. „Gemeinsam ist diesen Erkrankungen, dass für sie die gleichen Risikofaktoren gelten“, sagt Huntgeburth. Neben Bluthochdruck gehören dazu: erhöhte Blutfettwerte, Diabetes, Rauchen, Vorhofflimmern, Bewegungsmangel sowie Übergewicht. Durch den regelmäßigen Kontakt zum Hausarzt kennt dieser die gefährlichen Einflussgrößen und kann – immer in Absprache mit dem Patienten – entsprechend wirksame Gegenmaßnahmen anstoßen. „Letztlich geht es darum, die Patienten zu einem gesünderen Lebensstil zu ermutigen“, sagt Huntgeburth. „Je intensiver der Kontakt zu ihnen ist, umso Erfolg versprechender ist die Therapie.“

Vergleich mit anderem Landkreis

Zwischenauswertungen der INVADE-Daten sowie die COME-IN-Studie zeigen jedenfalls Ärzten und Patienten, dass sie auf dem richtigen Weg sind. „Das Projekt läuft noch bis Ende des Jahres“, berichtet Huntgeburth. „Erst dann können wir uns die Daten genau anschauen und endgültige Aussagen treffen.“ Doch eine Tendenz deutet sich bereits an: Die Ziele – weniger Schlaganfälle, weniger Fälle von Demenz und Pflegebedürftigkeit im Landkreis Ebersberg – dürften erreicht worden sein. Interessant dürfte daher der Vergleich mit einem anderen Landkreis werden. Aus dem Norden von München (Dachau) liegen den Forschern Rohdaten vor, die sie sich mit denen aus Ebersberg vergleichen lassen. Ende 2009 sollten erste Ergebnisse vorliegen.

Die Planung für die Zeit nach INVADE hat schon längst begonnen. Denn schon werkeln die Ebersberger Ärzte eifrig am Anschlussprojekt INVADE 2, das im Idealfall das Ende des Jahres auslaufende INVADE nahtlos ersetzt. Einige Verbesserungen stehen an: So wird das Angebot künftig vermutlich auch im angrenzenden Landkreis Rosenheim den dortigen AOK-Versicherten über 55 Jahren angeboten. „Unsere Arbeit hat die Krankenkasse überzeugt“, sagt Huntgeburth. Zudem soll die Prävention intensiviert werden: Dazu übernehmen Arzthelferinnen, die sich zu Präventionsassistentinnen weiterbilden sollen, Aufgaben in der Patientenbetreuung. „Mindestens zweimal pro Quartal sollen sie mit den Teilnehmern in Kontakt treten und Details der Behandlung besprechen“, erläutert der Ebersberger Hausarzt. Über mangelnde Nachfrage müssen sich die Hausärzte keinesfalls Sorge machen. Huntgeburth: „Weil wir immer wieder öffentlichkeitswirksame Aktionen starten, ist das Projekt hier in aller Munde.“ Klar, Werbung tut gut – auch in Sachen Prävention.

14.10.2008

 
  Nachdruck erwünscht – bitte immer mit Angabe der Quelle Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!