Inneres Bauchfett – ein wichtiger, lange übersehener Risikofaktor des Metabolischen Syndroms. Dieser Schrittmacher wird nicht implantiert. Bei vielen Menschen ist er mit einem Mal einfach da - meist ungewollt und fast immer unbemerkt.
„Übergewicht ist tatsächlich ein gefährlicher Schrittmacher“, warnt Professor Hans Hauner, Ernährungsmediziner von der Technischen Universität München und wissenschaftlicher Beirat der Stiftung Rufzeichen Gesundheit!. „Denn Adipositas beschleunigt die Entwicklung einer ganzen Reihe von Krankheiten.“ Und die Liste ist lang: Ablagerungen in den Gefäßen, Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Herzinfarkt, Schlaganfall – um nur einige zu nennen.
Für die zusätzlichen Kilos sorgen – ganz klar – Fettzellen. Sie dienen als Energiereservoir, in dem die vielen überzähligen Kalorien letztendlich landen. Dazu nehmen die einzelnen Zellen immer mehr Fettsäuren aus dem Blut auf. Sie schwellen an und gewinnen dabei an Gewicht. Allerdings funktionieren nicht alle Fettzellen gleich. Das fiel schon vor 60 Jahren dem Franzosen Jean Vague auf. Der Stoffwechselspezialist unterschied damals bereits eine androide von einer gynoiden Adipositasform. Während bei der ersten Variante Fett vor allem in der Gegend um den Bauch vorkommt, finden sich bei der zweiten die Fettdepots vor allem an Hüfte und Oberschenkeln. Hauner: „Schon damals stellte Vague fest, dass die androide, also die männliche Form mit einem höheren Risiko für Folgekrankheiten behaftet ist als die weibliche, die gynoide Variante.“
An der Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil: In den letzten Jahren bestätigen immer mehr Studien Vagues Thesen. Die Fettzellen im Bauch, das viszerale Fett also, sind tatsächlich gefährlicher als die an anderen Stellen des Körpers. Um diesen Unterschied zu veranschaulichen, vergleichen Mediziner heute Äpfel mit Birnen: Birnenform-Menschen – bei ihnen sitzt das Fett vor allem an Hüften, Oberschenkel und Gesäß – sind demnach weniger gefährdet als solche mit einer Apfelform, bei denen das Fett um den Bauch herum lagert. „Entscheidend sind nicht etwa die Fettpolster, die unmittelbar unter der Haut liegen“, erklärt Dr. Andreas Hamann, Chefarzt der Diabetes-Klinik Bad Nauheim. „Auch sie sind nicht gut für die Gesundheit, aber die größere Gefahr stellen die Fettzellen im Bauchraum, das viszerale Bauchfett, dar.“ Und das, obwohl es nur zehn bis 15 Prozent der gesamten Fettmasse des Körpers ausmacht.
Der Grund für die versteckte Gefahr im Bauch liegt in einer deutlich höheren Stoffwechselaktivität der dort ansässigen Fettzellen. Hamann: „Die Zellen produzieren sehr viel mehr Botenstoffe und Hormone als gewöhnliche Fettzellen.“ In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts begannen Forscher die komplizierten Mechanismen im Detail zu verstehen. Auch wenn noch immer vieles im Dunkeln liegt, so wurden in der Zwischenzeit doch eine Reihe von Signalstoffen (Interleukine, Tumornekrosefaktor etc.) entdeckt. Sie haben unter anderem einen entzündungsfördernden Effekt und führen mit großer Wahrscheinlichkeit zu Gefäßschäden.
Von Bedeutung war zudem der Nachweis des Hormons Leptin: Es wird von prall gefüllten Fettzellen vermehrt ausgeschüttet, um im Gehirn das Hungergefühl zu dämpfen und so die Aufnahme neuer Kalorien zu verhindern. Gleichzeitig regt Leptin aber auch den Stoffwechsel an – schließlich sollen die vielen, ins Blut freigesetzten Fette auch verbraucht werden. Diese Freisetzung kommt unter anderem dadurch zustande, dass die Fettzellen des Bauches auf ihrer Oberfläche viele Rezeptoren für Stresshormone wie Noradrenalin aufweisen, aber nur wenige für den Gegenspieler Insulin. Während die Stresshormone den Abbau der Fettreserven vorantreiben und damit die Konzentration von Fettsäuren im Blut erhöhen, verhindert Insulin genau dies: Das Hormon fördert die Aufnahme von Fettsäuren in die Depots. Insgesamt also führt ein Zuviel an viszeralem Fett zu hohen Konzentrationen von Fettsäuren im Blut. Und das hat Konsequenzen: Das Risiko für Folgekrankheiten wie Diabetes, Gefäßschäden, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen steigt erheblich. Verschlimmert wird die Situation durch die Tatsache, dass die Fettzellen im Bauch die Produktion des Signalstoffes Adiponektin – er schützt vor Gefäßschäden – vermindern.
Um das Risiko exakt zu bestimmen, um also festzustellen, wie viel viszerales Fett ein Mensch tatsächlich besitzt, sind aufwändige technische Untersuchungen (Kernspintomographie, Computertomographie) nötig. „Für eine einfache Risikoabschätzung reicht aber die Messung des Bauchumfanges vollkommen aus“, sagt Hamann. Nicht ohne Grund sind daher seit 1998 Grenzwerte für den Taillenumfang wichtige Kriterien im Rahmen der gängigen Definitionen des Metabolischen Syndroms. Im klinischen Alltag bewährt haben sich vor allem die Grenzwerte von 102 Zentimetern für Männer und 88 Zentimetern für Frauen. Werden diese Werte erreicht oder überschritten, hat sich das Erkrankungsrisiko bereits mindestens verdoppelt.
Dabei kann jeder diese Risikoabschätzung machen: Den Bauchumfang messen, ist keine Zauberei. Im Stehen und bei freiem Oberkörper wird das Maßband seitlich – in der Mitte zwischen Rippenbogen und Beckenkamm – angelegt. Wichtig: Es muss nun in gerader Linie um den Körper herumgeführt werden. Leicht ausatmen und nun kann der Bauchumfang abgelesen werden. Liegen Sie über den Grenzwerten? Kein Grund zur Verzweifelung, denn die hohe Stoffwechselaktivität des inneren Bauchfetts bietet auch Chancen. „Man kann viszerales Fett verhältnismäßig gut und schnell loswerden“, sagt Hamann. Denn wer sein Gewicht zum Beispiel um fünf bis zehn Prozent senkt, verliert schon ein Drittel seines inneren Bauchfettes. Und jedes Kilo weniger macht die Taille um einen Zentimeter schlanker.
Erste Abnehmerfolge lassen sich mit der richtigen Ernährung und viel Bewegung erreichen. Als besonders wirkungsvoll hat sich eine kalorienreduzierte Vollwertkost mit viel frischen Obst und Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten erwiesen. Als Sportarten sind vor allem Gelenk schonende Walken, Fahrrad fahren oder Schwimmen geeignet. Zwar gibt es schon heute Medikamente, die in den Fettstoffwechsel eingreifen – sie kommen unter anderem bei Diabetes und erhöhten Fettwerten zum Einsatz. Allerdings wirken diese Substanzen nicht ausschließlich auf das viszerale Fett. „Bis solche spezifischen Therapien möglich sind, wird wohl noch einige Zeit vergehen“, meint Hauner. „Aber das wäre schon nicht schlecht, wenn sich die Bildung von innerem Bauchfett auf diese Weise verhindern ließe.“
22.05.2006