Tiefer Einblick ins (Grundschul-)Klassenzimmer

In vielerlei Hinsicht ist die Einschulungsuntersuchung eine wichtige Bestandsaufnahme – auch in Bezug auf das Körpergewicht. Nun gibt es erstmals eine bundesweite Zusammenfassung

Übergewicht ist alles andere als ein reines Erwachsenenproblem. Auch immer mehr Kinder und Jugendliche wiegen mehr, als sie sollten. Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung stellen Ärzte des Gesundheitsamtes unter anderem das Gewicht der Abc-Schützen fest. Bisher standen diese Daten Medizinern und Präventionsexperten nur lückenhaft und nie gebündelt zur Verfügung. Ulmer Forscher haben nun erstmals eine bundesweite Übersicht erstellt.

Der Adipositasforscher Professor Martin Wabitsch und die Diplom-Trophologin Anja Moss von der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetelogie der Universitätskinderklinik Ulm ahnten, dass sie eine Sisyphus-Arbeit erwartete, als sie beschlossen, die Daten zum Übergewicht von Schulanfängern in Deutschland zusammenzutragen. Dass sie dieser Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas Gesellschaft fast das ganze Jahr 2007 beschäftigen würde, überraschte sie dann doch ein wenig.

In mühevoller Kleinarbeit beschafften sich die Wissenschaftler von den bundesweit 23 Landesämtern für Gesundheit die Daten der Einschulungen der jeweiligen Bundesländer. „In vielen Fällen war es sehr schwer, überhaupt an die Informationen zu gelangen,“ berichtet Wabitsch. In anderen Fällen nahm es viel Zeit in Anspruch, die Rohdaten aufzubereiten. Im November war es schließlich so weit. Im Bundesgesundheitsblatt erschien die Zusammenfassung mit dem Titel „Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei deutschen Einschulkindern“.

Hat sich der Aufwand gelohnt? „Natürlich“, sagt Wabitsch ohne zu zögern. „Seit Jahren schon beklagen wir Kinder- und Jugendärzte, dass es keine einheitliche bundesweite Zusammenfassung der Daten der Schuleingangsuntersuchung gibt. Nach vielen vergeblichen Anläufen in den letzten Jahren liegt sie nun endlich vor.“ Damit steht Forschern, Ärzten und Präventionsspezialisten jetzt ein weiteres Instrument zur Verfügung, um die alarmierenden Zahlen zu kindlichem Übergewicht, die verschiedene Studien – zuletzt des Kindes- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGs) des Robert-Koch-Instituts – liefern, besser beurteilen zu können. Laut KiGGs sind 15 Prozent der Kinder in Deutschland übergewichtig, das entspricht rund 1,9 Millionen Kindern. 800 000 davon sind sogar fettsüchtig – Mediziner sprechen von „adipös“.

Was wird in der Schuleingangsuntersuchung erfasst?

Abgesehen von den erhaltenen Impfungen wird im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung der Gesundheitszustand eines Kindes erfasst. Der Schwerpunkt liegt dabei auf solchen Merkmalen, die für die Teilnahme am Unterricht und letztlich auch den Schulerfolg entscheidend sind: Sehen, Hören, Verhalten, Koordination und Sprachentwicklung. Zusätzlich werden chronische Erkrankungen sowie Körpergröße und -gewicht bestimmt. „Interessant ist vor allem, dass Körpergröße und -gewicht tatsächlich gemessen und nicht nur abgefragt werden“, sagt Wabitsch. Bei der Einschulung sind die Kinder zwischen fünf und sieben Jahre alt. „Das Problem Übergewicht beginnt schon in diesem Alter“, stellt der Adipositasforscher fest, „auch wenn es bei Jugendlichen und älteren Kindern meist noch weiter verbreitet ist.“

Welche Ergebnisse?

Als die Ulmer Wissenschaftler sich die Daten anschauten, stellten sie erhebliche Unterschiede fest. So liegt beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern, dem Saarland und Brandenburg der Anteil übergewichtiger Kinder deutlich höher als in Bayern oder Baden-Württemberg – teilweise beträgt der Unterschied bis zu vier Prozent. „Das ist schon erstaunlich“, urteilt Wabitsch. Über die Gründe für diese ungleiche Verteilung können die Wissenschaftler bisher nur spekulieren. Vermutlich spielt unter anderem eine Rolle, dass der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund unterschiedlich groß ist. „Doch das dürfte nur ein Teil der Erklärung sein“, mutmaßt Wabitsch. Andere Faktoren, die das Auftreten ebenfalls beeinflussen, sind vermutlich der Bildungsstand der Eltern und eine eventuelle Arbeitslosigkeit. Wabitsch: „Wenn man eine Deutschlandkarte mit der Verteilung der Arbeitslosigkeit einer Karte mit kindlichen Übergewichts vergleicht, zeigen sich deutliche Parallelen.“

Mögliche Fehlerquellen

Insgesamt stellten Wabitsch und Moss ein deutliches Nord-Süd-Gefälle fest. So waren in den nördlichen Bundesländern die Quoten für kindliches Übergewicht und Fettsucht höher als im Süden. Auf zwei mögliche Fehlerquellen macht Wabitsch in diesem Zusammenhang aufmerksam: „Zum einen könnte es sein, dass die Kinder im Norden insgesamt etwas älter bei der Untersuchung waren. Es spielt eine Rolle, ob ein Kind mit sechseinhalb oder fünfeinhalb Jahren untersucht wird.“ Darüber hinaus habe womöglich auch eine unterschiedlich schnelle biologische Reifung einen Einfluss. „Möglicherweise reifen die Kinder im Norden etwas früher“, sagt Wabitsch. „Im Vergleich zu anderen Altersgenossen sind sie dann zwar schwerer, aber eben nicht zu dick.“

Um solche Fragestellungen genauer beurteilen zu können, wäre es wichtig, die Daten der Schuleingangsuntersuchung in allen Gesundheitsämtern elektronisch zu erfassen und regelmäßig zu einer bundesweiten Aufstellung zusammenzufassen. Trotz der Dringlichkeit des Problems hat Wabitsch Zweifel, dass dies künftig möglich sein wird: „Die Untersuchung fällt unter die Länderhoheit, und schon jetzt zeigen sich vielerorts Tendenzen, ihren Umfang eher zu reduzieren als auszubauen.“ Personaleinsparungen in einigen Gesundheitsämtern könnten zu dieser bedauerlichen Entwicklung führen. Die Folgen wären fatal, denn gerade im Hinblick auf Vorbeugung kommt dem Grundschulalter enorme Bedeutung zu. Bisher haben sich nämlich Präventionsmaßnahmen, die in dieser Phase anlaufen und in Verbindung mit der Schule stehen, als besonders erfolgreich erwiesen. „Und vorbeugen ist in jedem Fall besser als heilen“, stellt Wabitsch fest.

Ein positiver Aspekt lässt sich der jetzt vorgestellten bundesweiten Aufstellung auch entnehmen: In einigen Bundesländern ist die Zahl der übergewichtigen Kinder zuletzt nicht mehr gestiegen. „In Bayern, Brandenburg und Berlin zeigt sich eine Stagnation“, sagt Anja Moss. „Allerdings lässt sich daraus noch kein Trend ablesen. Dazu ist der Zeitraum, um den es sich dreht, noch zu kurz.“ Dennoch sieht Wabitsch einen Hoffnungsschimmer: „Vielleicht beginnen die vielen Kampagnen inzwischen tatsächlich zu wirken.“

19.12.2007

 
  Nachdruck erwünscht – bitte immer mit Angabe der Quelle Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!