Gefährliche Fettwelle

Kindliche Adipositas – Präventionsmaßnahmen werden immer wichtiger

Deutschland holt seinen Rückstand auf – doch glücklich ist darüber niemand. „Hierzulande beobachten wir zurzeit eine Entwicklung, wie sie in den USA schon vor 20 Jahren begann“, erklärt Professor Martin Wabitsch. Der Kinderarzt der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Ulm leitet die Forschungsgruppe „Adipositasforschung Ulm“. Während in den Vereinigten Staaten schon Mitte der 1980er-Jahre ein deutlicher Anstieg des durchschnittlichen Körpergewichts bei Kindern einsetzte, blieb diese Kenngröße in Deutschland noch bis die 1990er-Jahre unverändert. Doch seitdem haben sich die Vorzeichen verändert – und zwar erheblich.

Jüngstes Beispiel: der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey, auch KiGGS-Studie genannt. Im Rahmen dieser vom Robert-Koch-Institut durchgeführten Erhebung haben Wissenschaftler – zum ersten Mal überhaupt – bundesweite Daten zusammengetragen. Dabei ging es den Forschern nicht nur darum, Folgen wie Störungen des Fettstoffwechsels, Diabetes, Bluthochdruck oder orthopädische Erkrankungen zu erfassen, auch Lebensstil, Lebensbedingungen und genetische Veranlagung wurden erfragt. „Eine ausgesprochen wichtige Untersuchung“, urteilt Wabitsch. Wichtig vor allem auch deshalb, um die aktuelle Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Kindern in Deutschland zu bestimmen.

Denn während sich das Gewicht von Erwachsenen über den Body-Mass-Index (BMI, Verhältnis von Körpergröße zu -gewicht) einfach beurteilen lässt, gelingt dies bei Kindern und Jugendlichen auf diese Weise nicht. „Es kann für Kinder keine konstanten Richtwerte geben“, erklärt Wabitsch. „Schließlich bestehen alters- und entwicklungsbedingte Unterschiede bei Größe und Gewicht.“ Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) werden daher anhand so genannter Perzentilen definiert, die von der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGKJ) entwickelt wurde: Diejenigen, deren BMI höher ist als der von 90 Prozent ihrer Altersgenossen (oberhalb der 90. Perzentile), werden demnach als übergewichtig eingestuft. Als adipös oder fettleibig gelten jene, deren BMI höher liegt als der von 97 Prozent der Gleichaltrigen (oberhalb der 97. Perzentile).

Die Zahlen der KiGGS-Studie offenbaren etwas Erschreckendes: Die Häufigkeit von Übergewicht ist heute um 50 Prozent höher als noch vor zehn Jahren. 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche müssen laut der neuen Erhebung als übergewichtig angesehen werden, 800.000 von ihnen sogar als fettleibig. Diese letzte Zahl hat sich – im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren – sogar verdoppelt.

Genau wie bei Erwachsenen zeigen sich die Folgen des Übergewichts nicht sofort, sondern teilweise erst nach Jahren. Wo liegt also beim Körpergewicht die Grenze zwischen „gerade noch gesund“ und „schon krank“? „Schwer zu sagen“, meint Wabitsch. Für ihn lässt sich die Gefährdung der Kinder nur über die Symptome und Beschwerden des Metabolischen Syndroms beantworten. Dabei handelt es sich um eine extrem gefährliche Kombination von Störungen des Fett- und Zuckerstoffwechsels, Übergewicht sowie Bluthochdruck, auf die die Stiftung Rufzeichen Gesundheit! die Öffentlichkeit aufmerksam machen will. Laut Wabitsch entwickeln nur 0,1 Prozent der Kinder mit Normalgewicht Zeichen des Metabolischen Syndroms. Besteht dagegen Übergewicht, sind es bereits acht Prozent, bei Adipösen treten die Symptome sogar in 25 Prozent der Fälle auf.

„Das geschieht natürlich nicht gleich, sondern zeitverzögert. Wir können uns angesichts der Entwicklung auf einen explosiven Anstieg des Metabolischen Syndroms bei Erwachsenen in den kommenden Jahren gefasst machen“, sagt Wabitsch und sieht darin das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung. Die Liste der Ursachen sei lang, meint der Kinderarzt: Fernsehen, Motorisierung, Fastfood, Werbung, Computerspiele. All diese Dinge bestimmten die Lebensbedingungen der Kinder, und sie gelte es letztendlich zu ändern. Das sei schwer, aber nicht unmöglich, glaubt Wabitsch: „Das Problem stellt eine Herausforderung an die ganze Gesellschaft dar.“

Wesentlich beteiligt an einer Lösung ist auch die Ärzteschaft. Doch welche Mittel stehen ihr zur Verfügung? Eines ist klar: Verhaltenstherapeutische Maßnahmen greifen selten. „Erfahrungsgemäß gelingt es nur einem von zehn Kindern, mit mehr Sport und Aktivitäten im Freien sowie einer Ernährungsumstellung sein Übergewicht loszuwerden. Das bedeutet umgekehrt, dass wir Ärzte 90 Prozent der übergewichtigen Kindern keine Therapie anbieten können“, sagt Wabitsch. Zwangsläufig stellt sich die Frage nach dem Einsatz von Medikamenten. Schließlich kommen bei Erwachsen im Kampf gegen Übergewicht und seine Folgen eine Menge Arzneien zur Anwendung. Doch dürfen diese oder andere Mittel überhaupt bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden? „Viele Arzneien sind für Kinder nicht zugelassen“, gibt Wabitsch zu bedenken und zeigt am Beispiel eines zwölfjährigen Mädchens mit 75 Kilogramm Körpergewicht und erhöhtem Blutdruck das Dilemma der Ärzte auf. Für dieses Kind sind die Prognosen eindeutig: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es 10 bis 15 Kilogramm pro Jahr zunehmen. „Soll man bei ihr bis zum 18. Lebensjahr warten, bis man eine medikamentöse Therapie für den Hochdruck einleitet?“, fragt der Kinderarzt. Doch gängige Hochdruckmedikamente wie ACE-Hemmer sind nicht für zwölfjährige zugelassen. Eine schwierige, wenn nicht sogar unlösbare Situation. Hilfe könnte in den nächsten Jahren von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMEA) kommen. Sie hat eine Ad-hoc-Kommission eingerichtet, die Zulassungsempfehlungen für den Einsatz von gewichtsregulierenden Arzneimitteln bei adipösen Kindern aussprechen soll. Ein wichtiger Schritt, zweifellos. Aber einer, dem weitere folgen müssen.

Denn eigentlich stünden die Chancen zur Prävention ganz gut – wenn man die Regenerationsfähigkeit des kindlichen Körpers als Maßstab heranzieht. Schließlich können sich Risikofaktoren wie Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen bei Kindern und Jugendlichen vollständig zurückbilden, wenn die Kalorienzufuhr entsprechend gedrosselt und der Energieverbrauch gesteigert wird. Sogar eine Leberverfettung kann unter diesen Umständen wieder verschwinden. Doch auch die Regenerationsfähigkeit hat ihre Grenzen: Schäden, beispielsweise an den Gefäßwänden, die sich einmal eingestellt haben, bleiben bestehen.

Zur Information:

Auf Einladung der Stiftung Rufzeichen Gesundheit! hält Professor Martin Wabitsch auf dem Kongress „Kinder bewegen – Energien nutzen“, der vom 1. bis 3. März 2007 auf dem Campus der Universität Karlsruhe stattfindet, einen Vortrag zum Thema „Prävention von Übergewicht und Folgeerkrankungen im Kindesalter – die Rolle der Sekretionsprodukte des Fettgewebes“.  

22.02.2007

 
  Nachdruck erwünscht – bitte immer mit Angabe der Quelle Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!