Grenzwerte-Diskussion beim Metabolischen Syndrom zweitrangig: "Wichtig ist, dass der klinische Zusammenhang der einzelnen Komponenten akzeptiert wird."

Interview mit Prof. Dr. med. Diethelm Tschöpe, Direktor des Herz- und Diabeteszentrums Nordrhein-Westfalen der Ruhr-Universität Bochum

Welche Definition des Metabolischen Syndroms verwenden Sie im klinischen Alltag?

Bei uns an der Klinik orientieren wir uns vor allem an der Definition, die vom amerikanischen National Cholesterol Education Program (NCEP) im Jahr 2002 aufgestellt wurde. Dabei ist es meines Erachtens gut gelungen, die wissenschaftlich bewiesenen Aspekte des Metabolischen Syndroms in eine klinisch umsetzbare Form zu gießen.

Was zeichnet die NCEP-Definition konkret aus?

Im Gegensatz zur Definition der International Diabetes Foundation (IDF) aus dem Jahr 2005 ist der Bauchumfang und damit die abdominelle Adipositas bei der NCEP-Version keine Conditio sine qua non. Er wird zwar auch berücksichtigt, genau wie Insulinresistenz, Fettwerte und Bluthochdruck, stellt aber eben keine Grundbedingung dar. Damit handelt es sich um eine offenere, besser im klinischen Alltag anwendbare Definition.

Grenzwerte für Bauchumfang, Blutdruck, Zuckerspiegel und andere Parameter kommen in allen gängigen Definitionen vor. Ist die Diskussion um diese Grenzwerte beendet?

Nein, sicherlich nicht. Sie wird immer weitergehen. Man muss nur aufpassen, dass man nicht zu enge Grenzen setzt und auf diesem Weg viele gesunde Menschen per Definition krank macht. Letztlich aber ist die Grenzwerte-Diskussion nur zweitrangig. Wichtig ist, dass der klinische Zusammenhang der einzelnen Komponenten akzeptiert wird. Und das ist ganz offensichtlich der Fall, denn es geht bei allen Beschreibungen um die gleichen Kriterien. Damit kommen wir dem eigentlichen Ziel immer näher: Alle Definitionen sind darauf ausgerichtet, Hochrisikopatienten zu erfassen. Es sollen also die Personen herausgefiltert werden, deren Erkrankungsrisiko besonders hoch ist. Nur wenn das gut funktioniert, kann die Therapie frühzeitig einsetzen.

24.04.2006

 
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