Drei Stufen gegen Zucker
Im Bundesland Sachsen wird ein neues Konzept zur Diabetesprävention erprobt

Es ist höchste Zeit einzugreifen: Expertenschätzungen zufolge werden in Deutschland im Jahr 2010 zehn Millionen Diabetiker leben. Die Folgen für den Einzelnen sind klar: Das Risiko für Gefäßkrankheiten mit fatalen Konsequenzen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall steigt stark an. Die Folgen für das Gesundheitssystem lassen sich dagegen nur ungefähr abschätzen. Viele Experten vermuten, dass es zu einer Kostenexplosion kommt: Die Behandlung der Zuckerkrankheit und der damit verbundenen Folgekrankheiten kostet eben viel Geld.

Einem Diabetes voraus geht meist ein Zustand, den Ärzte „Metabolisches Syndrom“ nennen. Dabei handelt es sich um eine gefährliche Kombination verschiedener Gesundheitsstörungen: Im Mittelpunkt stehen Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht, Zuckerverwertungsstörung sowie Bluthochdruck. Die Ursache des „Metabolischen Syndroms“ sind längst bekannt: Zu wenig Bewegung und eine zu kalorienreiche Ernährung führen zu diesen gesundheitlichen Problemen.

Auch wenn die Ursachen des Übels unbestritten sind, wirksame Vorbeugekonzepte fehlen noch weitestgehend. Einen interessanten Ansatz hat die Arbeitsgemeinschaft „Prävention des Typ-2-Diabetes“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft und des Nationalen Aktionsforums Diabetes Mellitus (NAFDM) vorgestellt. Der Präventionsforscher Dr. Peter Schwarz von der Medizinischen Klinik III des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden ist NAFDM-Sprecher Prävention und erklärt die Struktur: „Unser Konzept hat drei Stufen. Auf eine Risiko-Erkennung folgen Maßnahmen zur Diabetes-Prävention, die auf die Bedürfnisse eines jeden Betroffenen abgestimmt werden. Schließlich geht es in der dritten Stufe darum, einen langfristigen Erfolg dieser Maßnahmen sicherzustellen.“ Im Bundesland Sachsen ist ein Pilotprojekt angelaufen. Sollten sich die ersten, vielversprechenden Ergebnisse bestätigen, könnte das Programm bald auf das ganze Bundesgebiet ausgedehnt werden.

Zu Beginn des Programms wird mit einem einfachen Fragebogen das Diabetes-Risiko einer Person bestimmt (siehe Nachgefragt). Ab einer gewissen Gefährdungsstufe werden Vorbeugemaßnahmen empfohlen. „Wir versuchen eine möglichst breite Palette an Interventionen anzubieten“, sagt Dr. Schwarz. „Wichtig ist, dass jeder etwas findet, von dem er überzeugt ist.“ Im Mittelpunkt stehen Änderungen des Lebensstils, die auf mehr Bewegung und eine gesündere Ernährung abzielen. Manche Menschen benötigten für solche einschneidenden Veränderungen die Hilfe einer Gruppe; andere schaffen die Umstellung allein, nur mithilfe von Ratschlägen und Hinweisen. „Hintergrund eines solchen umfangreichen Angebots ist die Erfahrung, dass es kein Programm gibt, das bei allen Menschen funktioniert“, erklärt Schwarz. Ziel der Präventionsforscher ist es, 20 unterschiedliche Interventionsprogramme anbieten zu können.

Der schwierigste Schritt für viele Diabetes-Gefährdete besteht jedoch darin, Lebensstiländerungen dauerhaft umzusetzen. „Der dritten Stufe unseres Konzeptes messen wir daher besondere Bedeutung bei“, meint Dr. Schwarz. „Mindestens alle sechs Wochen sollte ein Kontakt zum Teilnehmer hergestellt werden.“ Dazu nutzen die Ärzte und die anderen Mitarbeiter des Präventionsprojektes alle Kommunikationswege: egal, ob per Telefon, per SMS, mit einem Brief oder mit dem Angebot einer 24-Stunden-Hotline – die Verbindung zum Teilnehmer bleibt bestehen. „Wie wichtig diese Weiterbetreuung ist, haben Präventionsstudien immer wieder gezeigt“, sagt Dr. Schwarz, der vor vier Jahren angefangen hat, das Vorbeugekonzept zu erarbeiten. „Immer mehr Menschen sind sich der Gefahr bewusst, die ein passiver Lebensstil für die Gesundheit darstellt. Bisher fehlt es aber noch an geeigneten und flächendeckenden Hilfsangeboten.“ Das NAFDM-Konzept könnte diese Versorgungslücke schließen.

30.10.2006

 
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