Wirksame Behandlungsschemata gegen das Metabolische Syndrom verlangen ein vielseitiges Eingreifen – Neue Medikamente in Sicht
Metabolisches Syndrom sei nicht gleich Metabolisches Syndrom, sagt Professor Diethelm Tschöpe, Direktor des Diabeteszentrums am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen der Universitätsklinik der Ruhr Universität in Bad Oeynhausen: „Die Ausprägung der Beschwerden ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich.“ So kämpfen die einen vor allem mit Übergewicht, bei anderen stehen Fettstoffwechselstörungen im Vordergrund oder aber Probleme mit dem Blutdruck. Grundsätzlich aber müssen – laut einer gängigen Definition – drei von fünf Kriterien erfüllt sein. Denn erst das gleichzeitige Auftreten von erhöhtem Blutdruck, erhöhtem Blutzucker, gestörter Blutfettwerte und eines übermäßigen Bauchumfangs macht das Metabolische Syndrom aus.
Dem Wesen nach ist das Metabolische Syndrom also vielgestaltig. Das wiederum macht auch ein breites therapeutisches Vorgehen nötig. Das Stichwort lautet: multimodale Therapie. Was für den medizinischen Laien selbstverständlich erscheint, war bis vor einigen Jahren im Medizinbetrieb noch die Ausnahme. Damals interessierten sich die einzelnen Spezialisten meist nur für ihr Fachgebiet. So kümmerte sich der Kardiologe um den Hochdruck, der Diabetologe um den Blutzucker und der Hausarzt ums Übergewicht. „Inzwischen sind die Therapeuten aber so sensibilisiert, dass sie über den Tellerrand hinausblicken“, beschreibt Professor Tschöpe die positive Entwicklung. „Wenn heute schlechte Blutdruckwerte entdeckt werden, kontrolliert der behandelnde Arzt meist sofort auch Blutzucker sowie Blutfettwerte.“ Das Wissen um das Metabolische Syndrom und seine Gefährlichkeit hat sich verbreitet.
Auswirkungen hat diese globalere Sicht der Problematik natürlich auch auf die Behandlung. „Multimodale Therapie bedeutet, dass abhängig von der individuellen Ausprägung die einzelnen Beschwerden oder Störungen gleichzeitig behandelt werden“, erläutert Tschöpe. Für jedes einzelne Kriterium gibt es einen Zielkorridor: Beispielsweise sollte der Blutdruck auf 130/80 mm Hg gesenkt werden, die LDL-Cholesterinwerte auf weniger als 100 mg/ dl, die Triglyceride auf weniger als 150 mg/dl und das HBA 1c – als Maß der Blutzuckereinstellung – auf unter 6,5 Prozent.
Wichtigstes Therapeutikum – da sind sich alle Ärzte einig – ist eine grundlegende Lebensstiländerung. „Mit mehr Bewegung, einer gesünderen Ernährung und einem vollständigen Verzicht auf Tabak kann der Betroffene eine Menge für seine Gefäßgesundheit tun“, sagt Professor Tschöpe. Diese Maßnahmen haben den Vorteil, sich auf eine ganze Reihe von Parametern günstig auszuwirken. Doch reicht dies nicht immer aus. „Mit Lebensstiländerungen allein sind nur selten die angestrebten Zielwerte zu erreichen“, räumt Professor Tschöpe ein. Eine zusätzliche Behandlung mit Medikamenten ist hierzu häufig erforderlich.
Schon heute existieren viele Wirkstoffe, mit denen sich die einzelnen Komponenten des Metabolischen Syndroms gut behandeln lassen. Blutdrucksenker wirken effektiv bei hohem Blutdruck, Fettsenker kommen bei hohen Fettspiegeln zum Einsatz und Antidiabetika helfen bei erhöhtem Blutzuckerspiegel. Doch die pharmazeutische Entwicklung schreitet voran. Gesucht werden Medikamente, die gleichzeitig mehrere Faktoren positiv beeinflussen. Und die Suche zeigt erste Erfolge.
Glitazone heißen die Stoffe, die sowohl in den Zucker- als auch in Fettstoffwechsel eingreifen. Sie lagern sich in Körperzellen an die Zellkerne an und bewirken über eine Aktivierung dieser so genannten PPAR-Gamma-Rezeptoren unter anderem eine vermehrte Aufnahme von Zucker in die Zelle. Gleichzeitig führen Glitazone zu einer vermehrten Aufnahme freier Fettsäuren in die Fettzellen – das wiederum senkt die Triglyzeridspiegel im Blut. Darüber hinaus heben die relativ neuen Substanzen die Konzentration des HDL-Cholesterins, wirken entzündungshemmend und schützen auch direkt die Innenauskleidung der Gefäße, das Endothel. „Durch diese vielseitige Wirkung lässt sich ein guter Gefäßschutz erreichen“, sagt Professor Tschöpe. Anfangs wurde bei der Substanzgruppe eine Schädigung der Leber vermutet. Neuere Studien haben diese Befürchtung allerdings entkräftet, ergänzt der Diabetologe.
Ein anderer Wirkstoff, der ebenfalls eine Reihe verschiedener Effekte aufweist, kommt in diesem Herbst auf den Markt. „Rimonabant bessert einige der Leitsymptome des Metabolischen Syndroms“, bestätigt Professor Tschöpe. So verringert die Substanz das gefährliche Bauchfett (viszerales Fett), senkt den Blutzuckerspiegel und bessert auch den Fettstoffwechsel. Rimonabant greift in das Endocannabinoid-System ein, ein physiologisches Signalsystem, das an der Regulation von Körpergewicht und verschiedenen metabolischen Prozessen beteiligt ist. Über Angriffstellen im Gehirn hemmt es offenbar auch den Appetit und erleichtert einen Tabakverzicht. Tschöpe: „Es ist kein Wundermittel, aber zusammen mit einer Lebensstiländerung kann die Substanz durchaus helfen, die verschiedenen Störungen im Rahmen eines Metabolischen Syndroms zu bessern.“
All dies sind interessante Möglichkeiten zur Behandlung des Metabolischen Syndroms. „Entscheidend aber ist, dass zu Anfang das individuelle Risiko des Patienten festgestellt wird. Davon hängen die jeweiligen Therapiestrategien ab“, erklärt Professor Tschöpe. So benötigt ein Betroffener unter Umständen gar kein Medikament, weil er durch Sport und eine Ernährungsumstellung das Problem in den Griff bekommt. Ein anderer dagegen kommt nicht ohne eine medikamentöse Zusatztherapie aus. „Es bleibt aber festzuhalten, dass keine Arzneimitteltherapie erfolgreich sein kann, wenn nicht gleichzeitig eine Lebensstilveränderung erreicht wird. Das geht aber nur, wenn der Patient einsichtig ist und mitarbeitet“, resümiert Tschöpe.
29.09.2006